Die letzten Zeugen - Das Buch

MARTHA RAVIV


 
 

MARTHA RAVIV

(früher Falkenflik)
geb. 1936-01-20
lebt heute in Israel


Diese Geschichte wurde im Projekt "Die Letzten Zeugen" erstellt.

Im Projekt »38/08« war Martha Raviv im Mai 2008 zu Gast am Sacre Coeur Bregenz bei Schülerin Mirella Johler, die ihre Lebensgeschichte dokumentiert hat.

Martha Raviv wird 1936 in Wien geboren. Ihr Vater wird nach »anthropologischen Untersuchungen« 1942 in einer Euthanasie-Anstalt ermordet. Martha und ihre Mutter werden ab 1942 immer wieder verhaftet und in zahlreichen Gefängnissen und Lagern interniert. 1943 werden Martha Raviv und ihre Mutter in das KZ Bergen-Belsen deportiert. Nach der Befreiung durch die Alliierten 1944 gehen die beiden 1948 nach Israel, wo sich Martha Raviv als Anwältin heute auch um die Anliegen österreichischer Shoa-Überlebender kümmert.

Eine »wunderschöne« Zugfahrt ins KZ

Martha Raviv kam mit sieben Jahren nach Bergen-Belsen. Ihr Vater wurde im Euthanasie-Programm des NS-Regimes getötet.

Einst hieß es in der Bibel, das jüdische Volk werde so zahlreich sein wie die Sterne am Himmel. Zwischen 1933 und 1945 wurden sechs Millionen dieser Sterne ausgelöscht, jeder Stern steht für einen Menschen aus dem jüdischen Volk, dessen Leben zerstört und dessen Familie auseinander gerissen wurde.

»Wähle die Menschlichkeit!«. Das ist die zentrale Botschaft, die uns Martha Raviv bei ihrem überwältigenden Vortrag in unserer Schule mitgab. Martha Raviv ist Holocaust-Überlebende und wurde von uns, der 6. Klasse, im Zuge des Projektes »A Letter To The Stars« eingeladen. Heuer, im Jahr 2008, konnten gleich zwei Ideen verwirklicht werden, das »Denk.Mal«-Projekt und das »Einladungsprojekt«. Ziel des »Denk.Mal«-Projektes war es, für jeweils ein österreichisches NS-Opfer ein kreatives Denkmal als Erinnerung zu gestalten.

Wir wählten Frau Sarah Schmetterling aus Bregenz aus. Sie wurde 1942 in Polen im Ghetto Izbica ermordet. Für Sarah Schmetterling malte unsere Klasse ein großes Schmetterlingsbild.

Das Einladungsprojekt ermöglicht es den teilnehmenden SchülerInnen, mit Holocaustüberlebenden, die sich bereit erklärt haben, Schülerlnnen aus Österreich zu besuchen, Kontakt aufzunehmen und sie zu sich in die Schule und nach Hause einzuladen.

Wir freuten uns sehr, als wir erfuhren, dass uns Martha Raviv aus Petah Tikva in Israel besuchen wird. Am 28. April 2008 war es dann endlich soweit. Gemeinsam mit ihrer Enkelin Lya kam sie nach Vorarlberg. Wir organisierten ein schönes  Programm für die beiden, unter anderem führten wir sie ins »KUB«, an den See und ins jüdische Museum. Am Dienstag luden wir sie in die Riedenburg ein und nach einem Kennenlernen mit der 6. Klasse erzählte Martha Raviv allen Mädchen der Schule ausführlich von den furchtbaren Ereignissen ihrer Kindheit. Als Österreich an Nazi-Deutschland angeschlossen wurde, war sie gerade zwei Jahre alt.

An ihrem Vater wurden – zusammen mit anderen jüdischen Männern – »Anthropologische Untersuchungen“ vom damaligen Direktor des Naturhistorischen Museums in Wien durchgeführt. Seiner Familie wurde erzählt, er hätte einen Herzschlag erlitten. Doch Martha Raviv besitzt Dokumente, in denen verzeichnet ist, dass ihr Vater nicht an einem Herzinfarkt starb, sondern am 19. 3. 1942 in den Gaskammern der »Euthanasie-Anstalt« Bernburg ermordet wurde.

Marthas damals 11 Jahre alte Schwester wurde von ihrer Mutter alleine nach Palästina zu einer Tante geschickt. Sie selbst und ihre Mutter Gena Falkenflik blieben in Wien, doch in ihrer Wohnung konnten und durften sie nicht mehr bleiben. Verstecke waren nun die einzige Möglichkeit, der Gestapo zu entkommen. Zwischendurch versteckten sie sich auf Bahnhöfen, unter den vielen reisenden Menschen fiel man nicht so leicht auf. Doch im Herbst 1942 wurden Martha Raviv und ihre Mutter in einer Wohnung im 3. Wiener Bezirk verhaftet und in ein überfülltes Sammellager in der Malzgasse im 2. Bezirk gepfercht – und später wieder entlassen.

Auch wenn Martha und ihre Mutter oft Glück hatten, wurden sie im September 1943 erneut verhaftet und diesmal in das berüchtigte Gefängnis an der Elisabethpromenade in Wien eingeliefert. In den nächsten zwei Monaten folgten weitere Internierungen in den Gefängnissen von Linz, Prag, Chemnitz, Leipzig, Hildesheim und Halle an der Saale.

Aus dieser Zeit gibt es besonders schlimme und grauenhafte Erinnerungen. Einmal mussten sie den ganzen Tag vor einer Mauer still stehen. Ein Mann, der ein bisschen wackelte, wegen eines kürzeren Beins, wurde sofort von einem SS-Aufseher erschossen. Aus Angst, das Gleiche erleiden zu müssen, schaffte es Martha Raviv – damals im Alter von sechs oder sieben Jahren – 12 Stunden still zu stehen. Hunger, Kälte und Krankheiten waren ständige Begleiter dieser unvorstellbaren Jahre.

Im November 1943 wurde die Gefangenengruppe, der auch Martha Raviv und ihre Mutter angehörten, in das KZ Bergen-Belsen deportiert.

In ein winziges Zugabteil, für einen Gefangenen gedacht, wurden vier Menschen gesperrt. Die Luft wurde knapp, die Leute drohten zu ersticken. Zwei Frauen gelang es, mit den Nägeln der Schuhsohlen das Fensterglas zu zerbrechen. Frau Raviv erinnert sich, wie sie – aus dem Fenster schauend – den Weg für alle beschrieben hat. Als der Zug schon längst den Lagereingang von

Bergen-Belsen passiert hatte und sich ihr ein Bild des Grauens bot, erzählte sie noch immer von einem schönen Wald. An die vielen traurigen Erlebnisse aus dieser schrecklichen Zeit kann sich Martha Raviv heute nur noch in Bildern erinnern: Leichen im elektrischen Stacheldrahtzaun, Hunde, die danach schnappten, Massen-erschießungen ...

Die letzte Station vor Kriegsende war im März 1944 Vittel in Frankreich/Elsass. Dort wurden sie im darauf folgenden Herbst endlich von den Alliierten befreit. Bis zur Staatsgründung lsraels im Jahre 1948 verbrachten Mutter und Tochter ihre Zeit in Frankreich, wo Frau Raviv auch zum ersten Mal eine Schule besuchen konnte.

1948 gingen Mutter und Tochter nach Israel, wo sie auch Martha Ravivs Schwester wiederfanden.

Heute ist Martha Raviv längst Oma, arbeitet noch immer voller Begeisterung als Rechtsanwältin und vertritt als Rechtsberaterin und Vorstandsmitglied des Zentralkomitees der Juden vor allem aus Österreich stammende NS-Opfer.

Wir alle bewundern Martha Raviv für ihren Lebensmut und für ihre Stärke, ihren Optimismus und ihre freundliche, offene und herzliche Art. Außerdem ist es ihr hoch anzurechnen, dass sie es schaffte, offen in Österreich über die grauenhafte Vergangenheit zu sprechen.

Und wir, das hat auch die Gedenkveranstaltung am 5. Mai 2008 auf dem Wiener Heldenplatz gezeigt, haben die Menschen, die einfach aus unserer Mitte, aus dem Leben herausgerissen wurden, nicht vergessen! Zwischen den Bäumen rund um den Heldenplatz begannen wir, unsere Kunstwerke aufzuhängen. Alle zusammen waren ein richtig schöner und berührender Anblick. Gegen Mittag startete der offizielle Teil am Heldenplatz, nun präsentierten Schülerlnnen aus ganz Österreich ihre Ideen für das »Denk.Mal«-Projekt. Das Gezeigte reichte von Tänzen  über Bilder bis hin zu selbstgedichteten Liedern. Dazwischen kam auch ein ehemaliges Mitglied des österreichischen Widerstandes zu Wort. Zwischendurch wurden jiddische Lieder gespielt. Bald darauf kamen die Überlebenden aus dem Parlament durch den Volksgarten zu uns auf den Heldenplatz. Ein ergreifender Augenblick! Doch besonders berührend waren die Reden einzelner Überlebender, die heute in Israel, Australien, Kanada, Großbritannien oder den USA wohnen. Das zentrale Motto dieser Ansprachen war der Gedanke, den Verlust der Familie, Kindheit und Heimat noch immer schwer verkraften zu können, dass jedoch »A Letter To The Stars« ein kleiner Hoffnungsschimmer sei.

Es war eine wunderschöne, jedoch traurige und ergreifende Veranstaltung, die nur positiv bewertet werden kann. Noch immer gibt es in Österreich Rassismus und offene Diskriminierung in verschiedenen Formen. Doch diese Situation können wir nur verbessern, wenn wir die Geschichte kennen und aus ihr zu lernen wissen. In diesem Sinne lade ich andere Klassen ein, nächstes Jahr wieder bei »A Letter To The Stars« mitzumachen, denn es gibt diesbezüglich noch vieles aufzuarbeiten.

Martha Raviv betonte immer wieder, dass sie ihr Überleben einzig dem Mut und der Klugheit ihrer Mutter sowie dem Zufall, nach Westen statt nach Osten deportiert worden zu sein, zu verdanken hat.

Es gab in dieser ganzen grausamen Zeit aber auch ein paar wenige Begebenheiten, in denen die Menschlichkeit obsiegte und die kleine Martha Raviv und ihre Mutter vor dem sicher scheinenden Tod retteten.

Auf die Frage, welchen Gedanken sie uns jungen Menschen mitgeben wolle, antwortete Martha Raviv: »Wähle die Menschlichkeit!«



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