Die letzten Zeugen - Das Buc

T. SCARLETT EPSTEIN


 
 
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Diese Geschichte wurde im Projekt "Botschafter" erstellt.

Es zählt nicht immer der erste Eindruck

Ein Erfahrungsbericht von Sonja Kuba

Sommer 2004, ich betrete eine Schule, eine Schule, in der ich zuvor noch nie gewesen bin. Alle Gänge sehen gleich aus. Verdammt, wohin denn jetzt? Ich bin sowieso schon spät dran. Über einige Umwege finde ich mich in einem riesigen Festsaal wieder. Doch im gleichen Moment merke ich, dass es bereits angefangen hat. Ich schleiche mich also leise in den Saal, vorbei an all diesen Schülern, die aufmerksam einer kleinen leisen Stimme lauschen. Die Stimme einer gewissen älteren Dame, die am Kopf des Saales sitzt. Ich hab´s fast geschafft, bin gleich an allen vorbei gehuscht, doch da, hat da nicht jemand meinen Namen erwähnt? Ich drehe mich behutsam um und stelle erschrocken fest, dass alle Augen in diesem Saal auf mich gerichtet sind.
Schluck, was jetzt? Doch dann sehe ich in die Augen eben jener gewissen alten Dame, die meinen Namen ausgesprochen hat und ich bin mir ganz sicher, dass ich hier richtig bin. Es ist Dr. T. Scarlett Epstein.

Dies war der erste Moment, in dem ich Scarlett sah.
Ich erinnere mich noch, dass wir nach eben dieser ersten Begegnung nur sehr wenig Zeit hatten, uns näher zu unterhalten. Eigentlich verabschiedeten wir uns schon wieder, noch bevor wir uns richtig kennen lernen konnten.
Ein Glück, dass es diese Frau nicht nur einmal nach Wien gezogen hat, so musste ich nicht mal ein ganzes Jahr warten, um sie wieder zu sehen. Bei ihrem zweiten Besuch hatten wir dann wesentlich mehr Zeit uns kennen zu lernen. Unter anderem machten wir auch eine Stadtrundfahrt durch Wien. Bei dieser zeigte sich, dass ich, die sich für eine waschechte Wiener hielt, eigentlich keine Ahnung hatte von der Stadt in der sie lebt. Ganz im Gegensatz zu Scarlett, ihr brannte an jeder Ecke, an der wir vorbei gingen, eine Geschichte auf den Lippen.
Ich weiß noch, wie unglaublich nervös ich vor unseren ersten Begegnungen war, Angst, alles falsch zu machen, etwas Falsches zu sagen oder zu fragen. Angst davor, die zerbrechliche alte Dame zu enttäuschen. Allerdings sollte ich bald feststellen, dass sie längst nicht so zerbrechlich und unscheinbar war, als sie schien. Denn neben all den Fragen, die ich ihr über ihre Flucht von Wien nach England stellte, kamen wir sehr schnell auch auf andere Themen zu sprechen. Diese beinhalteten sowohl mein Leben und meine Pläne als auch die unglaublichen Geschichten aus dem Leben der T. Scarlett Epstein. Sie erzählte mir von ihren Abenteuern in Papua Neuguinea und Indien. Ihrer Arbeit mit etlichen Dörfern und deren Menschen. Sie erzählte mir wie sie die Studienrichtung Anthropologie wählte und dass sie es bis heute bereue, dass sie sich damals nicht für Medizin entschieden hatte und mit der Zeit änderte sich mein Bild von ihr grundlegend.

Nach dreieinhalb Jahren schien es im Oktober 2007 endlich zu klappen, Scarlett und ich gemeinsam zur selben Zeit in England. So hatte ich die Möglichkeit, sie bei sich zu Hause zu besuchen und einen noch tieferen Einblick in ihr Leben zu erhaschen. Als wir mit dem Zug in Hove ankamen (bei mir war übrigens Marietta, eine Kollegin von A Letter to the Stars), war Scarlett bereits am Bahnhof eingetroffen und begrüßte mich auf die übliche Art, sehr herzlich und als ob wir uns bereits Jahrzehnte kennen würden. Dann endlich, nach einer kurzen Fahrt mit dem Auto, waren wir am Ziel angekommen, Scarletts Wohnung.

Als sich dann langsam und knarrend die Tür zu ihrer Wohnung öffnete, wehte mir ein Hauch von Papua Neuguinea entgegen, denn das Erste was wir sahen, war ein ausgestopfter Gepard mitten auf dem Fußboden, geschossen von Scarlett selbst (Die unglaublichen Geschichten aus dem Leben der Scarlett T. Epstein).
Auch der Rest der Wohnung spiegelte an jeder Ecke ein Stückchen ihres Lebens wieder, sei es ein Foto oder ein mit Liebe platziertes Erinnerungsstück. Freudig überrascht stellte ich fest, dass die Wohnung genau so ist, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Als Scarlett dann in der Küche verschwand, um uns mit ihren Kochkünsten zu begeistern, hatten Marietta und ich ein wenig Zeit uns umzuschauen. Besonders interessant fand ich, dass wirklich überall Fotos zu finden waren, Fotos von Scarlett, die sie in den verschiedensten Stadien ihres Lebens zeigen. Doch so interessant die Fotos auch waren, umso deutlicher wurde mir wieder einmal vor Augen geführt, dass ich wohl nie richtig begreifen werde was sie schon alles gesehen hat und wie lange sie bereits auf dieser Welt verweilt.

Am Ende unserer Reise wartete noch ein echtes Highlight auf uns alle, wir wurden in die englische Botschaft eingeladen. Geplant war, dass Scarlett und ich bei dieser Veranstaltung sprechen sollten, doch leider konnte sie aus terminlichen Gründen nicht kommen. Doch um nicht als ganz abwesend zu gelten schickte sie einen Brief. Da stand ich also und sprach zu all diesen Leuten über das Projekt und wie ich Scarlett kennen gelernt hatte. Zu diesem Zeitpunkt ging es mir noch gut, doch dann hörte ich, was Scarlett geschrieben hatte. In diesem Brief schrieb Scarlett über ihre Begegnungen mit mir und dies war das erste Mal, dass ich hörte, wie sehr Scarlett unsere Begegnungen schätzt, daher konnte ich meine Tränen auch nicht zurückhalten.


Ich kann nach wie vor nicht genau sagen, warum das Schicksal gerade mich mit Scarlett zusammengeführt hat, ich weiß nur, dass ich dafür unendlich dankbar bin. Ich werde so oft gefragt, wie es sich anfühlt, eine Überlebende bereits so lange zu kennen, wie ich Scarlett. Meine ehrliche Antwort darauf ist immer dieselbe. Nach einer gewissen Zeit verschwindet der Begriff Überlebende genauso wie die Assoziation zum 2. Weltkrieg, Verfolgung und Leid. Denn alles was bleibt, was meiner Ansicht nach auch das Wichtigste ist, ist Scarlett.
Ich bemühe mich nun seit Jahren, die vielen verborgenen Winkel von Scarletts Leben zu erleuchten. Doch je mehr ich mich anstrenge, umso klarer wird mir, dass ich höchstwahrscheinlich nie zu dem Punkt gelangen werde, wo ich behaupten kann alles über sie zu wissen, aber ich glaube, dass will ich auch gar nicht.
Ich habe bereits viel von Scarlett gehört, wobei die intensivsten Erzählungen natürlich ihre Flucht vor dem Nationalsozialismus betrafen und doch stelle ich immer wieder überrascht fest, dass ich, auch nach vier Jahren, bei einigen Geschichten nicht herum komme, tief schlucken zu müssen. Alle ihre Beschreibungen sind und waren immer sehr exakt und detailliert. Sie erinnert sich an bestimmte Details wie zum Beispiel an ein Kleid, das sie trug, als sie 15 Jahre alt war, als wäre es gestern gewesen.
Sie erzählt diese Geschichten oftmals mit einer Leichtigkeit, ganz so, als hätte sie sie nicht selbst erlebt, sondern diese nur von anderen erzählt bekommen. Ihre Erzählungen klingen dann wie aus einer fernen Zeit, weitab von der Realität und so, als wären sie irgendwo passiert, aber auf keinen Fall in meinem eigenen Heimatland. Dadurch ertappe ich mich manchmal selbst dabei, wie ich kurzzeitig vergesse, dass das alles noch keine 100 Jahre her ist. Schockierend oder?
In Ehrfurcht und tiefstem Respekt vor ihr und ihrer Vergangenheit drängte sich bei mir allerdings die Frage auf, woher sie die Kraft nahm, all jene Dinge möglich zu machen und ihr Leben in eine solch positive Richtung zu lenken?
Ich muss zugeben, ich habe ihr diese Frage nie gestellt. Ich weiß nicht genau warum, vielleicht war wieder einmal die Angst, etwas falsch zu machen daran schuld.

Es passieren so viele Dinge im Leben um einen herum. Dinge die für den Moment wichtig erscheinen, die jedoch alles an Glanz verlieren, wenn man Menschen wie Scarlett T. Epstein begegnet und ihre Geschichten hört. Im Laufe dieses Projektes habe ich viel gehört und gesehen und Momente durchlebt, die mir niemand mehr nehmen kann. Momente mit Menschen, die mich zutiefst beeindruckt haben und aus denen ich viel gelernt habe. Einer dieser Menschen ist Scarlett T. Epstein, eine Frau, deren Geschichte für sich selbst spricht…..
















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Diese Geschichte wurde im Projekt "Die Letzten Zeugen" erstellt.

Es ist so wichtig, den Kontakt zwischen den Generationen zu halten.

Sonja Kuba, Schülerin der Montessorischulen Wien, hat die Lebensgeschichte von Trude Scarlett-Epstein recherchiert, viele Briefe und E-Mails mit ihr ausgetauscht und ihre Familie in England besucht.

Ich hatte nie Probleme, in Deutsch Texte zu schreiben, sei es eine Reportage, einen Bericht oder eine Fantasiegeschichte, mir ist immer etwas eingefallen, und ich fand auch immer, dass die Geschichten gut waren.
Doch als ich darüber schreiben sollte, wie es mir ging, als ich mit Trude Scarlett-Epstein Kontakt aufnahm, fiel mir nichts ein. Ich wusste einfach nicht, wie ich meine Gefühle in Worte fassen sollte. Wie es ist, eine Frau kennen zu lernen, die man noch nie zuvor gesehen hat? Wie es ist, eine Frau kennen zu lernen, die, als sie so alt war, wie ich heute bin, in der Zeit des Holocaust lebte und als Jüdin verfolgt wurde? Wie es ist, eine Frau kennen zu lernen, die in ihrem Leben mehr erlebt hat, als ich je erleben werde? Die Antwort auf diese Fragen ist, dass ich denke, dass man von niemandem sonst so genaue Informationen darüber bekommen kann, was damals passiert ist, als von jemandem, der es selbst erlebt hat. Doch auf der anderen Seite ist es beängstigend, so etwas erzählt zu bekommen, denn im Hinterkopf ist immer der Gedanke, was wäre, wenn ich in dieser Zeit gelebt hätte und was hätte ich getan ...

Kein Mensch auf dieser Welt kann sich vorstellen, wie es den Menschen damals ging, wie sie sich fühlten und welche Ängste sie hatten. Und ich denke, genau aus diesem Grund ist es so wichtig, den Kontakt zwischen den Generationen zu halten. Was Trude Scarlett-Epstein betrifft, für mich ist sie eine bemerkenswerte Person, denn obwohl sie so viele Schicksalsschläge in ihrem Leben ertragen musste, hat sie sich in ihrem Leben nicht unterkriegen lassen, sondern ist bei all dem, was sie erlebt hat, eine nur noch viel stärkere Frau geworden. Eine Frau, die heiratete, zwei Töchter bekam und heute vier Enkelkinder hat. Eine Frau, die mir ohne mich zu kennen, ihr Leben erzählt hat und auch etwas über meines wissen wollte. Genau aus diesen Gründen ist Trude Scarlett-Epstein ein Vorbild für mich und ich glaube auch für andere.

Ich weiß bis heute nicht, warum ich sie aus einer Liste mit Hunderten von Namen ausgesucht habe, und ich werde es vielleicht
auch nie wissen, doch mittlerweile ist das vollkommen egal, denn hätte ich sie nicht genommen, hätte ich wohl nie diese einzigartige
Frau kennen gelernt.

Sonja Kuba, Montessorischulen Wien

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