Die letzten Zeugen - Das Buc

LEO BRETHOLZ


 
 

Diese Geschichte wurde im Projekt "Die Letzten Zeugen" erstellt.

Er hat ein 60 Jahre dauerndes Schweigen gebrochen

Harold Basser und Leo Bretholz besuchten gemeinsam ihre ehemalige Schule in der Karajangasse.

Das Brigittenauer Gymnasium war eines jener Gymnasien, das 1938 einen fast 50% Anteil an jüdischen SchülerInnen aufwies, deren Schicksale die Schule schon lange beschäftigt. So war es uns eine besondere Freude zwei unserer ehemaligen Schüler im Rahmen des Einladungsprojektes von A Letter To The Stars aus den USA in unsere Schule holen zu dürfen: Herrn Harold Basser aus Lexington und Herrn Leo Bretholz aus Baltimore. Das Team von A Letter To The Stars hätte auch bereitwillig unseren dritten Wunschgast und auch ehemaligen Schüler, Eric Pleskow, eingeladen, nur ließ es sein gesundheitlicher Zustand nicht zu, was wir alle sehr bedauerten.

Am Montag, den 5. Mai besuchten dann Harold und Leo mit ihren Begleiterinnen nach der Gedenkveranstaltung am Heldenplatz die Schule, da wir Leo dazu gewinnen konnten, sein autobiographischen Buch "Leap into darkness" in der Gedenkstätte der Schule vorzustellen. Darin beschreibt er seine Flucht 1938 nach Luxemburg dann nach Belgien und weiter nach Frankreich. Die Zurückweisung an der Schweizer Grenze nach einem tagelangen Marsch über die Alpen und der Sprung aus einem fahrenden Frachtzug nach Auschwitz markieren die extremsten Situationen seiner jahrelangen Verfolgung. Er hat mit seinem Buch nicht nur ein 60 Jahre dauerndes Schweigen gebrochen, sondern damit auch allen seinen Verwandten und Freunden, Fluchthelfern und Gefährten noch einmal Gesicht und Stimme verliehen, denen ein Überleben nicht vergönnt war (N. Mayer). Die gelesenen Passagen und seine Erzählungen waren für das öffentliche Publikum (auch viele LehrerInnen und SchülerInnen waren anwesend) erschütternde Zeugnisse der Verfolgung und des Überlebenswillens eines damals zu Beginn seiner Flucht 17-Jährigen. Auch andere Schoahüberlebende, die im Rahmen der Aktion A Letter To The Stars in Wien waren, wohnten dieser Veranstaltung bei. Vorher gab es eine Führung durch die Gedenkstätte Karajangasse, die das Engagement vieler gegenwärtiger Schüler in Bezug auf die Aufarbeitung der Schulgeschichte während der NS-Zeit dokumentiert.

Am Dienstag stand dann Harold Basser und seine Begleiterin der 6H für Fragen zur Verfügung und Leo Bretholz zuerst der 3M, danach einer 8. Klasse. Nach anfänglicher Scheuheit kam es bald zu einem regen Austausch zwischen den SchülerInnen und den Gästen. Besonders die Erzählungen rund um die Erlebnisse nach dem Anschluss, in der Schule, aber auch das weitere Schicksal faszinierten sehr. Ein authentischer Bericht aus dem Mund eines Zeitzeugen haben eine Lebendigkeit und Überzeugungskraft, wie sie keine Lehrperson und kein Film haben kann – dazu kommt noch die Möglichkeit des Austauschs, die persönliche Begegnung! Oder wie es Harold in seiner e-mail nach dem Besuch ausdrückte: The young generation will not have many more face to face meetings with survivors, and we thought that our presence will connect the past with the present. Die SchülerInnen blieben freiwillig länger in der Schule und stellten auch noch Fragen in Einzelgesprächen. Einige wollten in weiteren e-mail-Kontakt bleiben.

Vorher hatte es eine Jause für die Gäste und KollegInnen in der Direktion gegeben und abends stand ein Opernbesuch mit vorherigem Dinner am Programm mit Harold, der auch am Mittwoch nochmals eine 7. Klasse besuchte. Leo traf eine Kollegin zum gemeinsamen Planen weiterer Aktivitäten und so kann man die Begegnungen zwischen den betreuenden LehrerInnen, Harold und Leo durchaus als Knüpfen eines freundschaftlichen Bandes verstehen, das auch nach dieser Woche nicht abreißen wird.
Erfreulich war auch die Tatsache, dass es bei dem Wienbesuch zu Erneuerungen von Kontakten zwischen ehemaligen Brigittenauer Schülern kam und dass die Herzlichkeit, das echte Interesse, das ihnen entgegengebracht wurde und der reibungslose Ablauf für einen bleibenden Eindruck eines gelungenen Wiederentdeckens ihrer alten Heimatstadt wurde aus der sie vor 70 Jahren so grausam vertrieben wurden.

14. Juni 2008
Mag. Renate Prazak

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