Andere Opfergruppen

Rosa Winkel
Der rosa Winkel kennzeichnete die Homosexuellen im KZ

Verfolgung Homosexueller während des Nationalsozialismus in Österreich
Veröffentlicht in GEDENKDIENST Ausgabe 2/2001

Die rechtliche Grundlage zur nationalsozialistischen Verfolgung Homosexueller bot der §1291b des österreichischen Strafrechtes. Dieser Paragraph hatte unverändert Gültigkeit von seiner Einführung 1852 bis zur Strafrechtsreform 1971. Die Nationalsozialisten fanden diesen Paragraphen, der „Unzucht zwischen Personen des gleichen Geschlechtes" unter Strafe stellte, für ihre Verfolgungsvorhaben vor, lediglich die Strafmaße und die Intensität der Verfolgung allgemein wurden von den nationalsozialistischen Gerichten gesteigert. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden wesentlich mehr Männer und Frauen vor Gericht gebracht und dort auch wesentlich häufiger verurteilt. Ebenso wurden die Urteile meist nach dem maximal möglichen Strafausmaß ausgerichtet.

Parallel zur gerichtlichen Verfolgung (sowie in häufig enger Zusammenarbeit mit dieser) gab es die für den Nationalsozialismus typische Verfolgung durch die Polizei (vor allem Kriminalpolizei und GESTAPO). Die Polizei bespitzelte die Bevölkerung massiv, um Homosexuelle als solche zu überführen. Einerseits wurden Orte, die als von Homosexuellen frequentiert galten, observiert, andererseits wurden Agents provocateurs eingesetzt. Die Kontrolle von Briefen verdächtiger Personen und die nur allzu bereitwillige Mithilfe der fanatisierten österreichischen Bevölkerung taten ein Übriges, um möglichst viele Menschen in die Hände der Polizei und der Gerichte zu bringen.

Einmal in den Fängen von GESTAPO oder Kriminalpolizei wurden die Verfolgten meist bedroht, erpresst und misshandelt, um sie zu Geständnissen und, was den Nazis ebenso wichtig war, zur Preisgabe der Namen weiterer Homosexueller zu bringen. Am Ende dieser Prozedur wurden die Verfolgten schließlich den Gerichten übergeben. Im Rahmen der Prozesse mussten die intimsten Details des Privatlebens öffentlich gemacht werden bevor - wie oben erwähnt - die Höchststrafe gefällt wurde.
Die Übergabe an die Gerichte stellte jedoch nicht den Schlusspunkt der polizeilichen Auseinandersetzung mit den Opfern dar. In vielen Fällen wurden sogenannte polizeiliche „Rückstellungsanträge" gestellt, die die Verurteilten vor oder nach Verbüßen der Haft in ein Polizeigefängnis zurückbrachten.
Bereits kurz nach der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland wurden Erlässe und Verfügungen zur besonderen Befugnis der Polizei erlassen. Die sogenannte „Schutz-" oder „Vorbeugehaft" befugte die Polizei, ihre Opfer auf unbestimmte Zeit festzuhalten und besondere Methoden im Umgang mit den Verfolgten anzuwenden. Im Klartext bedeutete dies die Befugnis zu Folter und Verstümmelung, für die uns heute die Vorstellungskraft fehlt, bis hin zur schrecklichsten Ausformung nationalsozialistischer Herrschaft, der Haft in Konzentrationslagern. Der Polizei war bei dieser Verfolgung kein zeitlicher Rahmen gesetzt, den Opfern standen gegen diese Art der Verfolgung keine wie auch immer gearteten rechtlichen Mittel zur Verfügung.

Homosexuelle zählten in den Konzentrationslagern zu den Häftlingskategorien mit dem wenigsten Ansehen, was bedeutete, dass sie vielfach noch geringere Überlebenschancen hatten als andere Häftlinge. Das Sozialprestige Homosexueller war derart gering, dass es nur den wenigsten der sogenannten „Rosa-Winkel-Häftlinge" gelang, sich in den lagerinternen Häftlingsgesellschaften zu etablienen und dadurch zu überlebensnotwendigen Lebensmitteln und geschützteren Arbeitsplätzen zu gelangen. Weiters wurden sie vielfach besonders grausam von ihren Verfolgern behandelt, die sich, wie dies zum Beispiel der österreichische Rosa-Winkel-Häftling Heinz Heger beschreibt, spezielle Foltermethoden für Homosexuelle ausgedacht hatten:
„So wurde ein Häftling mit rosa Winkel, der aus Innsbruck kam, also aus meiner Heimat Österreich, in dem Bunkerbau zu Tode gefoltert. Er wurde nackt ausgezogen und mit den Händen an einen Haken an der Gangwand so angebunden, dass sein ausgestreckter Körper frei vom Boden hing, seine Füße daher nicht den Boden berühren konnten. Die Beine waren gespreizt weit auseinandergezogen und ebenfalls festgebunden. Zwei oder drei SS-Männer, die dem Zellenbau, so hieß offiziell der Bunker, zugeteilt waren, standen herum und warteten auf das kommende „Schauspiel", der Folterung des Tiroler Burschen. Mit dem angebundenen Häftling wurde vom SS-Hauptscharführer zuerst das „Spielchen" Lachkabinett vorgeführt. Das heißt, der Delinquent wurde von den SS-Schergen mit Gänsefedern an den Fußsohlen, in der Achselhöhle, zwischen den Schenkeln und an anderen Stellen des nackten Körpers gekitzelt. Zuerst blieb der Häftling krampfhaft stumm und seine Augen blickten ängstlich und gequält von einem SS-Mann zum anderen. Doch dann musste er lachen, von dem Kitzelreiz angeregt, bis er schließlich in ein brüllendes Lachen ausbrach, das sehr bald in ein schmerzerfülltes Schreien und Jammern überging, während ihm die Tränen über das Gesicht liefen und sein Körper an den Fesseln zerrte und sich aufzubäumen versuchte.
Die besoffenen SS-Herren wollten noch mehr Vergnügen an der armen aufgehängten Kreatur haben. Der Bunkerkapo musste zwei Blechtassen bringen, die eine mit kaltem und die andere mit heißem Wasser gefüllt. „Jetzt werden wir dir schwulem Miststück, dir volkspolitischem Blindgänger etwas die Eier kochen und dann abschrecken, da wird dir gleich warm werden", sagte genüsslich der SS-Bunkerhäuptling und dann hielt er die Tasse mit dem heißen Wasser dem Delinquenten so zwischen die Schenkel, dass die Hoden hineinhingen. Der Häftling schrie markerschütternde Hilferufe aus, so sehr packte ihn der rasende Schmerz. Er wollte sich aufbäumen oder zusammenrollen, doch die Fesseln an Händen und Füßen hielten ihn straff gespannt. „Gib ihm jetzt das kalte Wasser, es ist ihm schon heiß, dem armen Schwein“ rief ein SS-Mann kaltschnäuzig lachend, worauf der SS-Henker die Tassen wechselte und dem Tiroler nun die Tasse mit dem kalten Wasser zwischen die Schenkel hielt. ( ... ) Dieses „Wechselbad" wurde einige Male wiederholt, bis der Gemarterte das Bewusst sein verlor, nachdem er sich schon heiser geschrieen hatte und nur noch gurgelnde Laute ausstoßen konnte. Mit einem Kübel kalten Wassers wurde er wieder zu sich gebracht und die Folterungen des „Wechselbades" wurden von neuem begonnen, während die verbrühten Hautfetzen vom Hodensack des geschundenen Tirolers hingen."

Darüber hinaus hatten Homosexuelle auch noch mit der Verfolgung durch die nationalsozialistische Medizin zu rechnen. Neben den meist verheerenden medizinischen Gutachten, die NS-Ärzte während der Gerichtsprozesse verfassten, hatten sie auch damit zu rechnen, Opfer von wissenschaftlichen Versuchen dieser Mediziner zu werden. Neben häufig praktizierten Methoden wie der Zwangskastration gab es auch Experimente, bei denen den Opfern zum Beispiel künstliche Hormondrüsen eingepflanzt werden sollten die Versuche endeten in praktisch allen Fällen mit dem Tod der Opfer. Die Zwangskastration, die viele physisch überlebten, wurde von einem Opfer als „psychische Hinrichtung" qualifiziert.

Jene schließlich, die die nationalsozialistische Verfolgung überlebten, konnten im Unterschied zu anderen Opfern nach der Befreiung durch die Alliierten Armeen nicht aufatmen. Sicherlich, in der Zweiten Republik hatten sie nicht mehr mit der Ermordung oder der Verschleppung in ein Konzentrationslager zu rechnen. Die Zweite Republik erkannte die Urteile der nationalsozialistischen Justiz jedoch als rechtmäßig an. Bereits gefällte Strafen mussten weiter verbüßt werden, Berufsverbote und andere Folgen, die sich aus NS-Urteilen ergaben, wurden aufrecht erhalten. Das Totalverbot bestand in jener Form, in der es auch den Nationalsozialisten gedient hatte, bis 1971, um dann gegen eine ganze Reihe anderer diskriminierender Paragraphen ausgetauscht zu werden von denen einer, der § 209, bis heute (Anmerkung: § 209 wurde 2002 abgeschafft) Gültigkeit besitzt.
Homosexuelle Opfer des Nationalsozialismus wurden als solche nie von der Republik Österreich anerkannt.

Niko Wahl
Mitarbeiter der Österreichischen Historikerkommission,
ehemaliger Gedenkdienstleistender am Leo Baeck Institute, New York

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